Die C90 lebt!

Jeder Mensch ist ein Kassettenkünstler

"Ich mach dir mal ein Tape" - spätestens seit Nick Hornbys Mixtape-Hommage "High Fidelity" dürfte die existenzielle Bedeutung der selbst aufgenommenen Audiocassette zu erahnen sein. Wer als pickliger Teenager seinen Freunden oder gar seiner Angebeteten ein Mixtape aufgenommen hat, weiß längst: MCs sind symbolisch aufgeladene Archive der Erinnerung, subtile Kommunikationsmedien und immer ein Seelen-Striptease á la "Zeige mir Deine Cassetten und ich sage Dir, wer Du bist".

Mit dem persönlichen Musikmix versuchte man, Mädchen unterschwellige Liebesbotschaften zu schicken und musikalisch Andersdenkende zu bekehren. Eine elementare Rolle spielten dabei die Cover, die den individuellen Ausdruck der Cassette unterstrichen. In gewisser Weise waren diese Fleißarbeiten mit Filzern, Edding, Schere und Kleber auch eine Revolte gegen die Plattenfirmen und deren Grafik-Designer, die das MC-Cover - im Gegensatz zum LP- und CD-Cover - schon immer stiefmütterlich behandelten. Millionen von selbst ernannten Kassettenkünstlern nutzten das 6,5 mal 10,2 Zentimeter große Cover als Ausdrucksplattform. Nicht immer ließen die Cover Rückschlüsse auf den musikalischen Inhalt zu, aber immer auf den Geisteszustand ihrer Urheber.

Der Autor dieser Zeilen feierte seinen größten Erfolg als Künstler, als er 1998 zur Ausstellung "Welcome to the Leisuredome" in die Räume der Stuttgarter Kulturdirektion D.E.S.S.E. (= Der Erfolg Stellt Sich Ein) lud und drei riesige Mosaike aus selbstgebastelten Cassettencovern präsentierte, die auf Nägeln an der Wand standen und zur interaktiven Durchmischung und - mittels bereit gestellter Cassettenrecorder -
zum DJ-Battle aufforderten.
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Welch kreativen Kräfte die Erinnerungen an das Mixtape auslösen können, verdeutlichen unter anderem der 11-minütige Kurzfilm "Kassettenmädchen", die begleitende Homepage www.kassettenmaedchen.de inklusive Tape-Rezepten und Tape-Trainer und das Vorwort des Sonic-Youth-Gitarristen Thurston Moore in seiner Anthologie "Mix Tape - The Art of Cassette Culture".

Mittlerweile wurde das Phänomen "Mixtapes" gar von Studierenden und Dozenten des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Resultat: die im LIT-Verlag in der Reihe "Studien zur Alltagskulturforschung" erschienene, von Gerrit Herlyn und Thomas Overdick herausgegebene 104-seitige Abhandlung "Kassettengeschichten - von Menschen und ihren Mixtapes" und eine gleichnamige Ausstellung, die als Dauerbrenner seit drei Jahren durch die Museen dieser Erde tourt - und noch bis zum 5.März 2006 im Berner Museum für Kommunikation Halt macht.

Für Cassetten-Freaks unabdingbar ist ein Besuch der begleitenden Homepage www.kassettengeschichten.de. Nicht zuletzt die hier nachles- und nachhörbaren "Mixbiographien" machen deutlich, dass die gute alte Audiokassette auch im Zeitalter der mp3-Onlinebörsen und des kostengünstigen Brennens von CDs am heimischen PC nichts von seinem Reiz verloren hat. Im Gegenteil: Wie die derzeit in Diskotheken kursierenden Cassetten-Mixtapes und die mit einer echten Audiocassette aufgestockte Special-Edition des aktuellen Best-Of-Albums der Fantastischen Vier beweisen, ist die C90-Cassette alles andere alt tot.

Marko Schacher, Februar 2006


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